PÄDAGOGIK 3.0:
LERNFREUDE UND KREATIVITÄT DURCH DEN EINSATZ DIGITALER MEDIEN
Artikel von Prof. Dr. Olaf-Axel Burow

Ob es sich um das gegliederte Schulsystem, die Inklusion oder die Ganztagsschule handelt – stets lösen grundlegende Veränderungen im Bildungssystem Glaubenskriege aus, in denen Befürworter und Gegner mit mehr oder weniger guten Argumenten für die eine oder andere Position streiten. Dabei gehen oft notwendige Differenzierungen verloren und werden Chancen vergeben – so auch in der Frage des Einsatzes neuer Medien in der Schule.

Hier hat der Neurobiologe Manfred Spitzer eine Extremposition eingenommen: Der Einsatz der Neuen Medien fördere „Digitale Demenz“, so auch der warnende Titel seines Bestsellers. Wer seine Schrift genauer liest, der wird allerdings feststellen, dass er bei seinen These negative Studien sehr stark in den Vordergrund rückt. Der dadurch entstehenden Blickwinkel verleitet ihn dazu, die Chancen zu übersehen, die in einer sinnvollen und pädagogisch angemessenen Verwendung digitaler Medien liegen. Mehr noch: Wir erleben gerade die ersten Anfänge einer Bildungsrevolution , die den Bildungsbereich im Allgemeinen und Schule und Unterricht im Besonderen schneller verändern wird, als es die meisten von uns vermuten.

Individualisierung und Personalisierung des Lernens, Gamification – also die Nutzung von spielerischen Elementen, Digitalisierung der Lehr-/Lernmedien, Interaktivität, Bildung virtueller Learning Communities, Open Education – so lauten einige der Stichworte, die eine schöne neue digitale Lernwelt versprechen. Spitzer hat durchaus Recht, wenn er auf mögliche Risiken dieser Umwälzungsprozesse hinweist, doch bietet der Wandel – wie ich in meinen neuen Buch – „Digitale Dividende – ein pädagogisches Update für mehr Lernfreunde und Kreativität in der Schule“ (Burow 2014) – zeige, auch große Chancen für eine Optimierung des Lernens und eine Entlastung der Lehrkräfte.

Die Schule der Zukunft nutzt die »Digitale Dividende« und wird weltoffen

Die Schule der Zukunft löst das Modell des jahrgangssortierten Klassenraumunterrichts auf, indem es die »Digitale Dividende« nutzt und virtuelle Lern- und Begegnungsarchitekturen bis hin zum »globalen Klassenzimmer« schafft. Charakterisierten Schiefer- und Wandtafel den auf den Klassenraum beschränkten Unterricht der alten Schule, werden digitale Medien und hier vor allem das Tablet nicht nur virtuelle Räume, sondern auch neue Möglichkeiten kollaborativen Arbeitens erschließen. Im Sinne Salman Khans (www.khanacademy.org) und der Konzepte von Open Education wird es möglich, die besten Lehrer/innen, Lehr-/Lernlektionen und Materialen kostengünstig, oft sogar kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Crowdsourcing und Wikis werden dazu beitragen, diese Materialien permanent zu optimieren und weltweit zu verbreiten. So können Lehrer/innen nicht nur die besten Kurse austauschen, sondern mit ihren Lerngruppen auch virtuelle Spaziergänge durch Landschaften, Kunstausstellungen, kleine Forschungsreisen und vieles mehr unternehmen.

Die Schule der Zukunft ist Teil eines interaktiven globalen Lehr-/Lernnetzwerks, das seine Lektionen und Materialien mithilfe der „Weisheit der Vielen“ permanent optimiert. Wie Salman Kahn und Sugata Mitra in ihren eindrucksvollen TED-Vorträgen (www.ted.com) gezeigt haben, kann netzunterstütztes Lernen nicht nur Lehrer/innen entlasten, sondern die individuelle Förderung von Schülern optimieren und zu besseren Leistungen beitragen.

Die Leitfrage für die Umsetzung lautet: Wie kann ich mithilfe des Internets die digitale Dividende in meinem Bereich nutzen, um die Arbeit mit Schülern, aber auch Kollegen zu personalisieren, zu optimieren und zu erleichtern?

Schritte zur Umsetzung:
  • Nutzung und Gestaltung von Wikis

  • Aufbau von Netz-Plattformen, die sich an den Interessen und Fähigkeiten der Schüler orientieren

  • Gründung themenbezogener Zirkel (Literaturzirkel: Beispiel Fan Fiction; Drehen von Mathevideos als Lernhilfen im Sinne des Peer-Learning etc.)

  • Forschungsexpeditionen ins Netz, um Gestaltungsmöglichkeiten und Fragen zu klären

  • internationale Klassenkorrespondenzen via Skype

  • Schreiben von Wikipedia-Artikeln und Untersuchung des Bearbeitungsverlaufs

  • virtuelle Spaziergänge und Expeditionen in spezifische Wissensfelder

  • Nutzung sozialer Netzwerke zur Bildung von Lern- und Neigungsteams

  • Aufbau und Nutzung von Unterrichtsplattformen (z.B. www.4teachers.de, www.khanacademy.org)

  • Experimentieren mit der Erstellung von eigenen Büchern, z. B. mit der Software

  • Gründung von netzbasierten Schülerfirmen

  • Experimentieren mit Tablet-Klassen

  • Entwicklung von sinnvollen Konzepten zur Nutzung sozialer Netzwerke

  • Nutzung des Netzes für Aktionen eingreifender Zukunftsgestaltung

  • Nutzung von Wissensportalen

  • Entwicklung von Schülerzeitungen und spezifischen Foren im Netz

  • Entwicklung von Konzepten mobilen Lernens zur Ergänzung des Unterrichts

  • Nutzen Sie die Möglichkeiten der „Gamification“, d.h. der spielerischen Gestaltung von realen und virtuellen Lehr-/Lernumgebungen

Literatur:
  • Burow O.A. (2014):
    Digitale Dividende. Ein pädagogisches Update für mehr Lernfreude und Kreativität in der Schule.
    Weinheim: Beltz.

  • Burow O.A. (2011):
    Positive Pädagogik. Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück.
    Weinheim: Beltz.

  • Kahn S. (2013).
    Die Khan-Academy. Die Revolution für die Schule von morgen.
    München: Riemann.

  • Kahn S. (2011).
    Salman Kahn erläutert sein System:

  • Mc Gonigal (2012):
    Besser als die Wirklichkeit! Warum wir von Computerspielen profitieren und wie sie die Welt verändern.
    München: Heyne.

  • Mitra S. (2013):
    Build a School in the Cloud.
    Download auf www.ted.com:

  • Spitzer M. (2012):
    Digitale Demenz.
    Stuttgart: Droemer: München.