ÜBER LANGFRISTIGE EVALUIERUNG 


VON UNTERRICHT MIT DIGITALEN MEDIEN

Interview mit Prof. Irion und Jörg Ostertag

Ende 2014 wurde das gemeinsame Projekt der Initiative DIGITALE BILDUNG NEU DENKEN und des Kreismedienzentrums Esslingen „Individualisiertes Lernen – auch mit Medien“ in Esslingen der Öffentlichkeit vorgestellt. Es bietet Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern aus Gemeinschaftsschulen die Möglichkeit, langfristige Erfahrungen mit dem Unterricht mit digitalen Medien zu sammeln und somit ihre Kompetenzen zu stärken. Prof. Dr. Thomas Irion und Jörg Ostertag von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd begleiten zusammen mit weiteren Forschern das Projekt wissenschaftlich im Rahmen der Studie Individualisiertes schulisches Lernen mit Tablets (INSL-Tab). Prof. Dr. Thomas Irion ist der Projektleiter des Forschungsprojektes und Jörg Ostertag promoviert über die Nutzung von Tablets im individualisierten Unterricht und befragt hierzu die beteiligten Lehrkräfte zu Ihren Erfahrungen.

Herr Professor Irion, was genau untersuchen Sie im Rahmen des Projektes und wie läuft die Untersuchung ab?

Irion: Die Nutzung von mobilen Wischmedien (v.a. Tablets und Smartphones) erobert den gesellschaftlichen Alltag. Noch vor wenigen Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, wie viele Personen nun mehrmals täglich, häufig sogar stündlich und häufiger, auf das Internet zugreifen. Die gesellschaftliche Veränderung durch das Internet wird somit allgegenwärtig. Es ist wichtig, dass nun auch Schulen überlegen, wie Unterricht durch Einsatz von mobilen Geräten wie Tablets optimiert werden kann. Die Individualisierung von Lernen stellt eine der größten Herausforderungen für Schulen und Lehrkräfte dar. Vor diesem Hintergrund ist es ausgesprochen spannend, welche Innovationspotenziale Tablets für das individualisierte Lernen aufweisen und wie diese genutzt werden können. In der Studie INSL-Tab soll nun untersucht werden, welche hinderlichen und förderlichen Bedingungen für einen Tablet-Einsatz im individualisierten Unterricht ausgemacht werden können.

Herr Ostertag, Sie befragen im Rahmen Ihrer Promotion Lehrkräfte. Das Projekt ist für eineinhalb Jahre angelegt ist. Welche Erkenntnisse konnten Sie nun nach etwa 6 Monaten. aus dem Projekt ziehen?

Ostertag: Wir befinden uns ja erst am Anfang unserer Analysen. In der Anfangsphase des Projektes wird deutlich, dass manche Lehrkräfte rasch sehr gut mit den Geräten zurechtkommen, andere möchten die Geräte zwar gerne benutzen, stoßen aber dann an ihre Grenzen. Häufig wird dann der Wunsch nach gezielten Schulungen laut, die die Möglichkeiten des Einsatzes im Unterricht fokussieren. Auf der anderen Seite brauchen die Lehrkräfte aber auch Schulungen in Bezug auf die Bedienung der Geräte und kurzfristigen Support bei technischen Problemen.

Wofür werden die Tablets hauptsächlich genutzt (in Schule und Freizeit)?

Ostertag: Da noch nicht alle technischen Probleme an den Schulen behoben sind, werden die Tablets auf ganz unterschiedliche Weise eingesetzt, dabei wird momentan noch viel ausprobiert und die Möglichkeiten ausgelotet. Viele Lehrkräfte nutzen die Tablets im Unterricht, um die Schüler damit im Internet recherchieren zu lassen, gezielt Webseiten mit Übungsaufgaben aufzurufen, aber auch Offline-Funktionen werden genutzt, wie z.B. die Möglichkeit Präsentationen zu erstellen, jegliche Form von Inhalten auf dem Beamer oder einem großen Bildschirm anzuzeigen, oder die installierten Apps zu nutzen. Besonders bemerkenswert ist eine Schulklasse, in der die Sprachein- und -ausgabe der Tablets von den Schülerinnen und Schülern im Englischunterricht genutzt wird, um selbstständig, unbekannte Vokabeln nachzuschlagen. Viele Lehrkräfte äußern auch Interesse an weiteren Apps, hatten aber bislang noch wenig Gelegenheit hier den Markt zu sichten, oder verweisen auf Schulbuchverlage, die ihrer Ansicht nach, mehr Inhalte anbieten müssten

Wie nehmen die Schüler die Tablets an? Welche Schüler profitieren von den Tablets (lernschwache oder lernstarke Schüler)?

Ostertag: Die Begeisterung unter den Schülern ist groß. Die Schüler nutzen die Geräte auch sehr gern, um die Aufgaben, die sie von den Lehrkräften bekommen zu bearbeiten, oder sich ergänzende Informationen zu besorgen. Welche Schüler davon profitieren, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aus einer Schule wurde jedoch berichtet, dass auch Inklusionsschüler die Geräte gut nutzen können. Bislang entsteht somit der Eindruck, als könnten die Schüler sehr gut mit den Tablets umgehen. An einer von uns untersuchten Schule übernehmen Schüler sogar Wartungsaufgaben zur Unterstützung der Lehrkräfte. Bei einer Unterrichtshospitation an einer anderen Schule konnte ich auch beobachten, wie 2 Schüler und 2 Schülerinnen in der Mittagspause auf die Lehrerin zukamen und ihr mitteilten, dass sie heute den Nachmittagsunterricht leiten wollen. Die Lehrerin ließ sich darauf ein und die beiden Jungs (5.Klasse) erklärten ihren Mitschülern, wie sie mit der Office-App (WPS-Office) eine Präsentation erstellen können, während die beiden Mädchen den Mitschülern am Gerät Hilfestelllung gaben. Alle vier wirkten äußerst sicher und nach 90 Min Unterricht konnte die ganze Klasse Präsentationen erstellen. Die Lehrkraft musste dabei nur ein einziges Mal eingreifen und für Ruhe sorgen.

Wie gehen die Lehrkräfte mit den Tablets um?

Ostertag: Zunächst einmal ist zu betonen, dass viele Lehrkräfte sehr interessiert an den Tablets sind und teilweise richtig gehend begeistert sind. Viele Lehrkräfte sind neugierig, wie sich die Geräte im Unterricht einsetzen lassen können und entdecken immer mehr Funktionen. Die bislang befragten Lehrkräfte sehen auch ein großes Potential in den Geräten. Dabei wird aber immer wieder betont, dass digitale Medien „nur“ eine Ergänzung darstellen sollen und nicht das alleinige Werkzeug sein dürfen, das im Unterricht genutzt werden sollte. Gleichzeitig wird aber auch immer wieder betont, dass Schule digitale Medien und deren sinnvolle Nutzung thematisieren muss.

Irion: Viele Lehrkräfte nutzen die Geräte auch privat. Eine Studie in Wales weist darauf hin, dass dies für das Erlernen des Umgangs sehr hilfreich sein kann. Wir empfehlen deshalb auch eine private Nutzung zu ermöglichen, ja sogar zu überlegen, wie diese gefördert werden kann. Es empfiehlt sich möglicherweise Tabletschulungen vor den Ferien durchzuführen und dabei Wege zur privaten Nutzung aufzuzeigen, damit Lehrkräfte dabei unterstützt werden sich mit dieser Technologie auseinander zu setzen. Mobile Geräte sind vorwiegend persönliche Geräte und entfalten ihr Potenzial vor allem dann, wenn sie sich in den Alltag und Schulalltag nahtlos einfügen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind wir sehr gespannt darauf, wie die Lehrkräfte die Geräte längerfristig in ihre Arbeitsabläufe und in den Unterricht integrieren. Dabei wird es auch interessant sein, welche unterrichtlichen Einsatzmöglichkeiten die Lehrkräfte entwickeln und welche Verfahren sich aus Sicht der Lehrkräfte bewähren. Hierzu können wir uns aber erst zu einem späteren Zeitpunkt äußern.

Einsatz der Tablets Klasse 5-6 – welche Vorteile gibt es? Worauf muss man achten?

Irion: Studien zeigen, dass eine lernförderliche IT-Infrastruktur eine wichtige Grundvoraussetzung für die Arbeit mit digitalen Medien in der Schule darstellt. Tablets unterscheiden sich von traditionellen Computern durch die sofortige Verfügbarkeit. Traditionelle Computersysteme sind für die Integration in das Unterrichtsgeschehen sehr sperrig. Durch ihre Größe werden viele Schulcomputer in Computerräumen installiert. Dies bedeutet aber, dass im individualisierten Fachunterricht eine Schülerin nicht eben mal schnell recherchieren kann, welche Feinde ein Eichhörnchen hat. Auch kann sie im Mathematikunterricht nicht mal schnell mit Computerunterstützung selbst überprüfen, wie gut sie die Multiplikation beherrscht. Auch Computerarbeitsplätze oder Notebookwägen sind keine ideale Lösung, da diese immer noch sehr umständlich zu bedienen sind. Dies liegt einerseits an großen unhandlichen Programmen und umständlichen Anmeldeprozeduren, die das Augenmerk schnell vom Lerninhalt auf den Umgang mit dem Computer lenken. Andererseits bieten Tablets auch durch ihre Benutzerfreundlichkeit besonders elegante Nutzungsmöglichkeiten wie den Einsatz von Kamera, Mikrofon und Stiftfunktion zur Dokumentation von Exkursionen. So ist es mit Tablets möglich, eine komplette Projektdokumentation direkt am außerschulischen Lernort zu erstellen. Aber auch im Klassenzimmer kann beispielsweise in der Gruppenarbeit eine Präsentation erstellt werden, die eben auch selbst gemachte Fotos, Geräusche und Filme enthält um damit weitere Veranschaulichungsformen auch den Schülern zu ermöglichen. Es gibt aber auch spezifische Probleme beim Einsatz von Tablets in der Schule im Gegensatz zu Computern. So sind die weit verbreiteten Tablet-Betriebsysteme Android und iOS zunächst nicht für den Einsatz in Schulen durch mehrere User ausgelegt.

Wie unterscheidet sich der Einsatz der Tablets in einer Gemeinschaftsschule zu dem Einsatz in einem z.B. Gymnasium? Welche Vorteile bietet er für diese Schulform?

Ostertag: Da die GMS besonderen Wert auf individuelles Arbeiten legt und der Unterricht sehr offen gestaltet wird, ist es besonders interessant, wie Tablets in den Unterricht eingebunden werden. Insbesondere die Potenziale für das individualisierte Lernen sind hier spannend: So können Tablets den Schülern beim Bearbeiten von Aufgaben Unterstützung bieten, etwa durch die Möglichkeit schnell auf Informationen zuzugreifen, wie z.B. Wörterbücher oder Tutorials-Videos im Internet. Auf diese Weise bleibt die Lehrkraft nicht weitgehend auf der Ebene der Informationsvermittlung, wie im traditionellen Frontalunterricht, sondern wird zum Lernbegleiter indem sie mehr Zeit hat, sich um einzelne Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Auch die Erfassung von Lernfortschritten in einer App kann Lehrkräften helfen, den Überblick über den Lernstand ihrer Schüler zu behalten und geeignete individuelle Unterstützung zu geben.

Welche Herausforderungen bestehen derzeit in Bezug auf die Nutzung digitaler Medien für das Lernen und wie kann man diese überwinden?

Irion: Es existieren inzwischen tausende von Studien zum Einsatz von digitalen Medien. Bei der Analyse dieser Studien in Form von Meta-Analysen wird deutlich, dass positive Effekte auf das Lernen mit digitalen Medien nicht automatisch eintreten. Derzeit lassen sich durch den Einsatz digitaler Medien nur geringfügig positive Tendenzen ausmachen. Offensichtlich muss genauer hingeschaut werden, was den Einsatz von digitalen Medien erfolgreich macht, damit sich die hohen Investitionskosten in Technik und Schulungen lohnen. Häufig werden etwa erste positive Effekte auf die Motivation von Schülerinnen und Schülern überbewertet, da die Verwendung eines neuen Computers oder Tablets in den ersten Wochen begeistert. Studien zeigen allerdings, dass diese Neuigkeitseffekte rasch verfliegen und der Alltag nach einigen Wochen oder Monaten ganz anders aussieht. Erst wenn wirklich besser mit den Geräten gelernt wird, wird auf Dauer auch motiviert gearbeitet. Häufig werden die Geräte zu Beginn begeistert, aber nicht zielführend eingesetzt. Studien müssen also noch genauer hinschauen, unter welchen Bedingungen erfolgreich mit digitalen Medien gearbeitet werden kann um sich längerfristig zu bewähren. Es gilt unbedingt zu vermeiden, dass naive Erwartungen an neue Technologien als Heilsbringer entstehen. In der Studie INSL-Tab richten wir den Fokus auf die Bedingungen eines erfolgreichen Einsatzes digitales Medien.

Wie glauben Sie, kommt man von einem Projekt zu einem langfristigen Einsatz/ Integration der Tablets in den allgemeinen Unterricht einer Schule?

Irion: Wie eingangs erwähnt, machen nicht die digitalen Medien per se einen besseren Unterricht. Vielmehr ist es von größter Wichtigkeit sinnvolle Konzepte zu entwickeln. Die Gestaltung der Technologien spielt dabei eine große Rolle. Nicht umsonst knüpfen wir hohe Erwartungen an das Lernen mit Tablets im individualisierten Unterricht. Wie schon gesagt denken wir, dass Tablets große Potenziale für einen Einsatz in Schulen aufweisen, in denen nicht die Technik, sondern die Didaktik im Mittelpunkt steht. Auf der anderen Seite kommen mit Tablets auch neue Schwierigkeiten auf die Schulen zu, da diese Geräte ja ursprünglich für den Privatbereich konzipiert wurden. Dies führt zu ganz spezifischen Problemen bei der Nutzung an Schulen (Funkanbindung, Nutzerverwaltung, Datenschutz, Lizenzrechte, Strahlenbelastung…), die bei weitem noch nicht gelöst sind. Es wäre sehr zu wünschen, dass die Kooperation zwischen Industrie, Forschung und Schulen gerade bei der Entwicklung von Lösungen weiter ausgebaut wird, um Lösungen für die genannten Probleme zu entwickeln.

Welche weiteren Möglichkeiten bieten digitale Medien im Unterricht? Warum ist diese Untersuchung Ihrer Meinung nach wichtig?

Irion: Die Potenziale von digitalen Medien sind enorm. Bislang verläuft Unterricht zu ganz großen Teilen fast ausschließlich basierend auf Sprache. Viele Lerninhalte können allerdings mit ergänzenden multimedialen Darstellungen wesentlich besser erarbeitet werden. Auch Übungsphasen können verbessert werden, indem genau erfasst und analysiert werden kann, welche Fehler Schülerinnen und Schüler bei der Bearbeitung von Aufgaben machen. Durch individualisierte Unterstützungen kann die Schwierigkeit des Lernstoffs an verschiedene Voraussetzungen angepasst werden und durch die Einbindung des Internets kann die außerschulische Realität ins Klassenzimmer geholt werden. Doch Vorsicht: Vor 20 Jahren war Multimedia das Wort des Jahres in Deutschland. Auch Schulen entwickelten aufgrund von Versprechungen der Industrie riesige Hoffnungen auf eine Revolution des Lernens durch multimediafähige Pcs. Der Teufel steckt aber bei der Nutzung von digitalen Medien häufig im Detail. Es ist aus unserer Sicht von größter Wichtigkeit, den Blick auf die Caveats (Stolpersteine) der Nutzung zu legen, soll der Tablet-Boom nicht ebenso versanden wie der Multimedia-Boom. Mit dem Projekt INSL-Tab versuchen wir genau dies zu verhindern, indem wir Stolperfallen und Lösungsansätze herausarbeiten. Die Lösungsansätze sollten sich allerdings nicht nur auf die Optimierung der Lehrerkompetenzen beschränken, wichtig ist auch die Optimierung der zur Verfügung stehenden digitalen Medien. Zu diesem Zweck ist es wichtig, dass Unterrichtsforschung auch Einfluss auf die Gestaltung von Technologien nehmen kann.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach das Engagement eines Unternehmens, wie die I-DBND von Samsung, für Deutschland?

Irion: Die Zusammenarbeit von Schulen, Forschung und Wirtschaft sind für eine sinnvolle Nutzung von digitalen Medien von größter Bedeutung. Es wäre sehr zu wünschen, dass die Kooperation zwischen Industrie, Forschung und Schulen gerade bei der Entwicklung von Lösungen weiter ausgebaut wird, um den Schulen jene Geräte zur Verfügung zu stellen, die sie benötigen. Hier sollte es allerdings nicht nur um finanzielle Unterstützung gehen. Ganz zentral ist die Ausrichtung der Technik auf die Anforderungen in der Schule. Aus unseren bisherigen Forschungsprojekten sind uns viele Unzulänglichkeiten bei der Nutzung digitaler Technologien vertraut, die auch auf eine mangelhafte Passung der Technik an die Unterrichtserfordernisse bedingt sind. Die Potenziale von Tablets für den Unterricht sehen wir als enorm an. Mit den bisherigen Anwendungen kratzen wir unseres Erachtens nur an der Oberfläche. Initiativen wie die I-DBND können den Ausgangspunkt für eine wirklich nachhaltige Veränderung des Lernens im 3. Jahrtausend bilden. Wichtig ist dabei aber auch, dass auch eine kritische Perspektive auf den Einsatz digitaler Medien beibehalten wird. Nur wenn die bestehenden Probleme beim Einsatz ernst genommen werden und geeignete Lösungen entwickelt werden, können die hohen Erwartungen an den Einsatz von Digitaltechnologien und insbesondere Tablets erfüllt werden .